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Donnerstag, 14. November 2013

Erinnerungen an William MacDonald (1917-2007) - von James G. McCarthy



60 Jahre lang war William „Bill“ MacDonald ein bewährter Arbeiter im Werk des Herrn, ein Lehrer, Prediger und Autor von 84 Büchern, darunter der weltweit bekannte Kommentar zum Alten und Neuen Testament. Er war ein Mann, der viel sagte und viel schrieb. Doch bei allen, die ihn kannten, hinterließ sein Leben den größten Eindruck. Über den Herrn Jesus wird in der Bibel gesagt: „Wer sagt, dass er in ihm bleibt, ist auch schuldig zu wandeln, wie er gewandelt hat“ (1Joh 2,6). Bill schrieb in seinem Kommentar:
„Sein Leben, wie es uns in den Evangelien vorgestellt wird, ist unser Vorbild und unsere Leitung. Dieses Leben können wir nicht aus eigener Kraft führen, sondern nur in der Macht des Heiligen Geistes. Unsere Verantwortung besteht darin, Jesus unser Leben ohne Vorbehalte zu übergeben und ihm zu erlauben, sein Leben durch und in uns auszuleben.“
1962 schrieb Bill „Wahre Jüngerschaft“, eine Zusammenfassung von dem, was es heißt, so zu leben, wie Er gelebt hat. Im Vorwort schrieb er: „Dieses Büchlein ist ein Versuch, einige Grundsätze neutestamentlicher Jüngerschaft darzustellen. Manche von uns mögen diese Prinzipien seit Jahren dem Wortlaut nach gut kennen, kamen dann aber wohl zu dem Schluss, dass man sich in unserem komplizierten Zeitalter an solch extreme und unpraktische Anweisungen doch nicht halten kann.
Und so passten wir uns der Kälte unserer geistlichen Umgebung an. Dann jedoch trafen wir mit einer Gruppe junger Gläubiger zusammen, die es sich in den Kopf gesetzt hatten, zu beweisen, dass die Bedingungen Jesu für die Jüngerschaft nicht nur äußerst praktisch, sondern die einzigen Voraussetzungen sind, unter denen die Evangelisierung der Welt erreicht werden kann. Wir sind diesen jungen Leuten sehr verpflichtet, weil sie uns ein lebendiges Beispiel für viele der im folgenden aufgeführten Wahrheiten gegeben haben. Obwohl unser eigenes Leben diesen Prinzipien sehr oft noch nicht entspricht, möchten wir sie doch aufzeigen, weil wir uns ihre Verwirklichung in unserem Leben so sehr wünschen.“
Dann führte Bill sieben Bedingungen der christlichen Jüngerschaft an:
1. Alles übersteigende Liebe zu Jesus Christus
2. Verleugnung unseres Ichs
3. Wohlüberlegte Wahl des Kreuzes
4. Ein Leben in der Nachfolge Christi
5. Innige Liebe zu allen, die Christus gehören
6. Stetes Bleiben in seinem Wort
7. In ganzer Hingabe ihm folgen
Bill fühlte sich durch diese scheinbar unmöglichen Bedingungen herausgefordert und schrieb: „Der Schreiber dieses Büchleins ist sich darüber im Klaren, dass er sich selbst durch diese Aufstellung als einen unnützen Knecht verurteilt. Sollte aber Gottes Wahrheit durch das Versagen des Volkes Gottes für immer verschwiegen werden? Ist es nicht wahr, dass die Botschaft immer größer ist als der Botschafter selbst?“ Die Botschaft ist wirklich größer, in diesem Fall aber war auch der Botschafter bemerkenswert!
Zu Gast in Wohnung Nr. 7
Vielleicht kann man sich am besten an Bills Leben erinnern, wenn man seine Wohnung ein letztes Mal aufsucht. Hier hat er die letzten 35 Jahre gewohnt. Das Gebäude wirkt unbedeutend, es sei denn man weiß, dass der Mieter von Wohnung Nr. 7 einen Universtitätsabschluss in Wirtschaft hatte und einmal Investitionsberater für die First Bank in Boston war.
Bei so einem Mann würde man erwarten, dass er in einem geräumigen Heim in einer gehobenen Gegend wohnt, nicht aber in einem Zweizimmer-Apartment an einer befahrenen Straße. Die Stahlabdeckung der Klingelanlage, die man benutzen muss, um in den Eingangsbereich zu kommen, ist neu. Wenn wir vor zwei oder drei Jahren zu Besuch gekommen wären, hätten wir gesehen, dass der Klingelknopf für Bills Apartment ersetzt wurde. Seine vielen Besucher haben ihn frühzeitig abgenutzt!
Trat man durch die Eingangstür in den Vorraum ein und wandte sich der Treppe zu, kam man auch an den Briefkästen vorbei. Obwohl sie bequem zu erreichen waren, erhielt Bill seine Post nie hier. Er zog es vor, sie zum Fairhaven Bible Chapel zustellen zu lassen – ein paar Straßen weiter. Täglich fuhr er in Fairhaven vorbei, begrüßte die Sekretärinnen und holte seine Post ab.
Er hatte geholfen, dort das Discipleship Intern Training Programm zu beginnen, hat 21 Jahre dort gelehrt und Dutzende von Männern für Christus ausgebildet. Die Treppe zum ersten Stock hinauf, sah man Bill schon am Ende des Ganges an der Tür seiner Wohnung mit einem Lächeln warten. Er begrüßte die Besucher mit einem Handschlag, und die er besser kannte, mit einer Umarmung. Viele Leute werden unfreundlich oder verbittert wenn sie älter werden, doch nicht so Bill. Er wurde immer warmherziger und mitfühlender – mehr wie Christus.
Die Küche
Nach dem Betreten seiner Zweizimmer-Wohnung, sah man links eine kleine, fensterlose Küche. Während andere in den letzten 35 Jahren Tausende von Dollar ausgegeben haben, um ihre Küche neu zu gestalten, blieb Bills Küche gleich: Herd, Spülbecken, Kühlschrank, Arbeitsfläche – gerade genug Platz, damit eine Person dort kochen konnte. „Das genügt“, hat er immer gesagt. Wie gern hat er dort für seine Gäste und sich gekocht, und vollständige Mahlzeiten mit Nachtisch serviert. Wenn es im Himmel eine Belohnung für den gastfreundlichsten Ledigen gibt, würde Bill zu den Anwärtern gehören.
Durch die Küche konnte man einen kleinen Tisch sehen, der an die Wand gerückt war. An jeder Stirnseite ein Stuhl, und zwei an der Längsseite. Eine Schulklasse hatte den Tisch im Werkunterricht für ihn gemacht. Darüber hing ein großer Kalender und eine schottische Distel aus Glas. Obwohl Bill in Massachusetts geboren wurde, war sein Herz in Schottland, wo seine Eltern herkamen. In seiner Kindheit hat Bill dort auf der Insel C.S. Lewis’ ein prägendes Jahr verbracht. Auf dem Küchentisch sah man einen kleinen Stapel Karten: auf der einen Seite ein Bibelvers, auf der anderen die Stellenangabe dazu. Nach einer gemeinsamen Mahlzeit lud Bill seine Gäste gerne dazu ein, eine Karte zu ziehen, den Text zu lesen und zu versuchen, das Buch, das Kapitel und den Vers aus dem Gedächtnis anzugeben. Er kannte natürlich alle.
Das Wohnzimmer
Weiter ging es in sein Wohnzimmer, welches in zwei Bereiche unterteilt war: jeder ungefähr 2,50 auf 3 Meter. Der Teil gleich nach der Küche war mit drei Sesseln ausgestattet, zwei Bücheregalen und einer kleinen elektronischen Orgel. Bill hat hier Tee serviert und mit den Gästen über den Herrn geredet. Wenn er abends allein war, spielte er gerne ein paar Minuten lang Lieder für den Herrn. Er spielte nach dem Gehör und kannte den Text von Hunderten von Liedern auswendig. Da seine Hand zitterte, konnte er in den letzten Jahren nicht mehr musizieren. Auf den beiden Bücheregalen konnte man seine persönliche Bibliothek ansehen. Er hat sie auf diesen kleinen Raum beschränkt. Wenn er neue Bücher bekam, bedeutete es, dass er alte weitergab, meist an eifrige junge Brüder.
Er scherzte gern über seine jungen Jahre. Damals hatte er eine schön gebundene Serie der vollständigen Werke von John Nelson Darby. Durch den Besitz fühlte er sich geistlich und intelligent, und er erzählte gerne anderen von seinem Schatz, bis ihn ein eifriger Jünger fragte: „Hast du sie jemals gelesen?“ Er gab zu, dass er sie nicht gelesen hatte. Darby war gut, aber schwer zu verstehen. So verkaufte er sie bald darauf, und verwendete das Geld im Werk des Herrn. Der zweite Teil des Raumes, der wie ein Rechteck eingerichtet war, hatte an der hinteren Wand das einzige Fenster des Raumes. Von dort blickte man auf einen Parkplatz. Nichts Interessantes war dort. Auf der anderen Seite des Gebäudes war die Feuerwache der Stadt. Bill sagte, dass die Sirenen ihn nicht weiter störten. Er hatte die Kunst erlernt, sich über solche Kleinigkeiten nicht aufzuregen. Er hatte Wichtigeres zu tun.
Drei Schreibtische
Drei Schreibtische vervollständigten das Rechteck, zwei lange an jeder Wand und ein kürzerer an der Vorderseite seines Arbeitsplatzes. So war genug Platz, um seitlich vorbei zu gehen. Wenn Bill zu Hause war, verbrachte er die meiste Zeit hier. Den Tisch auf der rechten Seite benutzt er zum Bibelstudium – es war ein Türblatt, getragen von zwei Aktenschränken. Auf einem Regal darüber waren die Nachschlagewerke, und sieben oder acht verschiedene Übersetzungen der Bibel. Bills Lieblingsübersetzung war die King James, aber viele Jahre lehrte er aus der New American Standard Übersetzung.
Ein Jahr lang hat er nur die New Internation Version benutzt, um sie besser kennen zu lernen. In späteren Jahren entschied er sich für die New King James. Von jeder Übersetzung konnte er die Stärken und Schwächen erläutern und er ermahnte die jungen Brüder, sich aus dem Streit herauszuhalten, der darum tobt, welche Übersetzung die Beste sei. Sein ganzes Leben lang hat Bill sich um Ausgewogenheit bemüht. Wenn jemand seine Interpretation der Schrift angriff, hörte er höflich zu und zitierte dann Henry Ironside, der gesagt hat: „Lieber Bruder, wenn wir in den Himmel kommen, werden wir herausfinden, dass einer von uns sich geirrt hat, und vielleicht werde ich das sein.“
Bill konnte sehr wenig Griechisch oder Hebräisch. Als junger Mann hat er sich das Ziel gesetzt, die englische Bibel zu beherrschen, und das füllte seine Zeit. Er kannte sie so gut wie jeder Gelehrte. Er konnte lange Abschnitte der Bibel zitieren, eine Fähigkeit, die der Herr ihm gegeben hat. Nachdem er das Studium eines Abschnitts abgeschlossen hatte, kannte er ihn meist auswendig, ohne viel Aufsagen und Wiederholung.
Auf dem Schreibtisch, wo Bill studierte, hatte er auch ein Telefon mit Fax. Man war nicht lange zu Besuch bis ein Anruf die Unterhaltung unterbrach. Die Anrufe kamen aus aller Welt. Gewöhnlich rief ein Ältester an, um wegen eines Gemeindeproblems Rat zu suchen. Auf der linken Seite fand man einen ähnlichen Schreibtisch, mit einem Computer und einem Monitor. Hier schrieb Bill. Im Alter von 80 Jahren hatte er 80 Bücher verfasst. Mit einem Lächeln sagte er: „Ein Buch für jedes Jahr meines Lebens, obwohl ich nicht angefangen hab` als ich ein Jahr alt war.“ Er vollendete sein vierundachtzigstes Buch kurz vor seinem einundneunzigsten Geburtstag – ein neuer Kommentar zu den Sprüchen.
Bill war anpassungsfähig. Seinen ersten Computer bekam er 1982 mit 65 Jahren. Er verstand nie so richtig, wie das Ding funktionierte. Zum Beispiel verwirrte ihn der Unterschied zwischen einem Computer Dokument und einem Ordner. Aber das war kein Hindernis für ihn. Ihm war klar, dass diese Technologie seine Arbeit für den Herrn vorantreiben würde, und so entschied er sich, sie zu benutzen. Mit der Hilfe von Freunden und einer Sammlung von Anweisungen, die er an den Bildschirm geklebt hatte, schaffte er es. Auf dem dritten Tisch, einem Klapptisch aus Alu, fand man Bills Schreibmaschine und einen Stapel Briefe. Oft beantwortete Bill 10 oder 20 Briefe pro Woche. Besonders in seinen letzten Jahren war ihm das eine Last, aber er fand keine Ruhe, bis jeder Brief beantwortet war und er sich für jede Gabe bedankt hatte.
Die Stunden in seiner Wohnung füllte Bill mit Studium und Schreiben. In einem unveröffentlichten Manuskript schrieb er: „Der größte Teil meines christlichen Lebens war harte Arbeit, beständiges Streben, Routine, Verpflichtungen und viele einsame Stunden. Es gab Zeiten, in denen ich mich fragte, ob irgendetwas erreicht werden würde. Doch wenn ich daran dachte aufzugeben, schickte der Herr eine kleine Ermutigung, die mich antrieb, die nächsten Schritte in Angriff zu nehmen“ Und es gab nichts, was ihn mehr ermutigte, als wenn er mit der Post ein Exemplar seines Kommentars erhielt, frisch in eine weitere Sprache übersetzt.
Das Schlafzimmer
Wenn man das Wohnzimmer verließ und Bills Schlafzimmer betrat, sah man billige und veraltete Möbel: ein Bett, zwei kleine Regale mit seinen Büchern zum Verschenken, ein Spiegeltisch und ein Nachttisch mit einem Buch darauf. Viele Jahre las er sich in den Schlaf. In den letzten beiden Jahren ließen das seine Augen nicht mehr zu. „Das Zelt wird schon abgebaut“, sagte er dazu. Bill sah sich gern die Nachrichten an. Niemals ging er ins Kino oder Theater, hauptsächlich um seine Mutter zu ehren, wie er erklärte.
Sie sah darin keinen Wert. Gelegentlich sah er einen christlichen Film auf DVD. Sein Lieblingsfilm war „Die Stunde des Siegers“, die Geschichte eines christlichen Athleten – ein Schotte natürlich! Im Kleiderschrank fand man nicht viel. Bill war immer sauber gekleidet, aber er gab wenig für Kleidung aus. Dort stand auch sein Koffer. Er hat ihn über 50 Jahre lang benutzt. Das war alles, was er zum Reisen brauchte. Er reiste mit leichtem Gepäck, aber er reiste weit, umrundete die Welt und lehrte die Bibel.
Endlich zu Hause
Natürlich würde man Bill nicht mehr antreffen, wenn man jetzt die Wohnung mit der Nummer 7 aufsuchte. Am Weihnachtstag 2007 ging Bill heim zu seinem Herrn Jesus. Er hinterließ wenig von irdischem Wert. Der ehemalige Investitionsberater hatte kein Aktienpaket, keinen Besitz, überhaupt keine Investitionen irgendwelcher Art auf dieser Erde. Alles, was er besaß oder bekam und nicht für seine täglichen Bedürfnisse brauchte, hat er weitergegeben. Glücklicherweise haben wir aber noch die Bücher, die er geschrieben hat. Dafür können wir Gott danken. Und wir haben noch die vielen wertvollen Erinnerungen an sein Vorbild, das er uns hinterlassen hat. Aber Bill ist nicht mehr bei uns, und wir vermissen ihn jetzt schon furchtbar. Er hat uns so sehr an den Herrn Jesus erinnert.

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